Winterfreuden: TV-Series im Schnelldurchlauf
geschrieben von Michael (4. Februar 2013)

Wir haben Anfang Februar und somit immer noch Mitte Winter. Die ideale Zeit, um sich als Serien-Junkie in kalten Nächten seiner Sucht zu widmen. Vor allem, wenn man die Serie in einer praktischen DVD-Box vollständig besitzt und so das Fortsetzungstempo selber bestimmen kann.

Was sind denn bislang die Neuentdeckungen der neuen TV-Serien-Saison?

Hier die beiden Top-Empfehlungen eines Schwerstsüchtigen:

Atlantic City, 1920 – The Dawn of Prohibition

In der Kategorie Drama meiner Meinung nach nicht zu schlagen, ist die HBO-Produktion Boardwalk Empire. Toller Plot kurz erzählt: Die Story erzählt die im Grundsatz wahre Geschichte aus den 20er Jahren über den legendären Schatzmeister Nucky Thompson von Atlantic-City. Eine Epoche, in der man durch geschickte Umgehung der Prohibition und einer grossen Skrupellosigkeit relativ rasch sehr reich werden konnte. Als B-Storyline erlebt man dabei auch den Aufstieg der Mafia in Chigago (Stephen Graham spielt dabei brillant den jungen Al Capone) und die Regierungszeit des berühmten New Yorker Königs des organisierten Verbrechens Arnold Rothstein. Ebenso wird nicht gespart an amourösen Geschichten aller Art. Detailgetreu nicht nur in den Kostümen, sondern auch in der Sprache und in den verschiedenen englischen Dialekten. Überhaupt sind alle Schauspieler ausnahmslos richtig gecastet und spielen so gut, dass man sie immer nur in ihrer Rolle wahrnimmt. Kurzum: Grosses Kino für die kleine Serie zu Hause. Jetzt bereits in der zweiten Staffel (auch auf deutsch) erhältlich.

 

Eine Familie kommt selten allein

In der Kategorie Comedy gibt es diesen Winter auch einen klaren Benchmark: Modern Family aus den Fox Studios. Diese steigert sich in der zweiten Staffel nochmals ordentlich. Die Familie rund um Jay Pritchett (Ed O’Neil – in den 90ern bekannt als Al Bundy) ist einfach zu komisch. Man kann sich einfach nicht daran satt sehen. Besonders gefallen mir die Rollen des schwulen Sohnes und die Komplikationen, die sich im Zusammenleben mit seinem extrovertierten und etwas überdramatischen Partner ergeben. Auch Jays zweite (und viel jüngere) Frau produziert viele witzige Interaktionen bei der Pritchett Familie. Aber auch alle anderen sind sehr lustig. Besondere Erwähnung verdient der selbstdeklarierte Cool-Dad und Schwiegersohn Phil Dunphy, der mit der Jay Tochter Claire drei sehr unterschiedliche Kinder grossziehen muss. Als ehemaliger männlicher Cheerleader muss er hartnäckig um Anerkennung bei seinem Schwiegervater kämpfen. Ed O’Neil spielt zwar feiner als bei «Married… with Children», aber immer noch genug bodenständig kernig, um hieraus wunderbare Situationen entstehen zu lassen. Ein echter Zuschau-Plausch im besten Mockumentary-Style aufbereitet. Die dritte Staffel lief in den USA gerade aus. Die vierte ist bereits in Produktion. Modern Family ist aktueller Emmy-Gewinner in der Kategorie Beste Comedy.

 

Showtime

Des Weiteren interessant, aber wie Carlo Tagliavini  (nicht der italienische Sprachwissenschaftler und Romanist, sondern unser ehemaliger AD Carlo) zu sagen pflegte, doch eher einfach Unterhaltung, ist die Erfolgsserie «Homeland». Viele sind von der Action getriebenen Story und dem psychischen Wellenbad begeistert. Ich bin das nur mässig. Man merkt einfach, dass der Plot eigentlich für eine israelische Geschichte geschrieben wurde. Die Grundidee ist für einen amerikanischen Army-Angehörigen aus vielerlei Gründen einfach nicht realistisch. Meiner Meinung nach hilft hier auch die ganze Schauspielkunst nicht aus dem Dilemma heraus. Ich sehe hier immer nur Schauspieler die sich bemühen. Und so sollte es ja eigentlich gerade nicht sein!

 

Authentizität vom Feinsten

Ein Beispiel für eine Serie, welche man ganz bestimmt nicht als Unterhaltung bezeichnen kann, sondern ganz im Gegenteil unbedingt mit dem Tagliavini-Prädikat Kunst versehen muss, ist die Millieu-Studie «Treme» – von den Machern der erstklassigen Kunst-Serie «The Wire». Nun, ich habe mir die Serie an- und fertig geschaut. Aber ich hatte vom Plot mehr als nur eine gut erzählte Sozialstudie erwartet und wurde deshalb etwas enttäuscht. Spielen tut die Geschichte nämlich im Schwarzenviertel Quartier Tremé im New Orleans nach dem furchtbaren Hurrikan Katrina. Das versprach spannende Stories im Stile von «The Wire». In «Treme» aber plätschert die Geschichte – vermutlich ähnlich wie die Stadt – gemächlich vor sich hin. Dafür ist die Serie extrem authentisch, die Figuren erhalten viel Zeit zur Entwicklung und die Musik ist ein absoluter Hammer. Besonders dürfen sich die Freunde von exotischen Karnevals freuen. New Orleans Mardi Grass erhält viel Platz und macht wirklich Lust auf New Orleans. Das ist auch die Meinung unseres Texters Sebastian Refardt, der aus diesem Grunde jetzt mit seinen Schnitzelbank-Kumpels nach genau dorthin geflogen ist, um den Mardi Grass höchst selbst (und mit seinem Basler Fasnachts Koschdym) zu erleben. Auch HBO scheint zufrieden (mit den Einschaltquoten) und hat den Vertrag für eine vierte (und letzte) Staffel bereits unterschrieben. Auf DVD sind momentan die ersten zwei Staffeln als UK-Importe erhältlich.

Schon länger angelaufen sind folgende Serien (pro Kategorie je drei), welche ich als absolute Top-Kunst-Unterhaltung empfehlen kann:

Kategorie Drama: «Madmen», «Sons of Anarchy» und etwas älter, aber immer noch bedingungslos empfohlen, «The Shield» (nichts für sanfte Gemüter).

Kategorie Comedy: «Curb Your Enthusiasm» (von und mit Larry David), «Extras» (mit Ricky Gervais) und «30 Rock» (mit Tina Fey).

In-Betweens so genannte Comedy-Dramas: «The Entourage», «Weeds» und «Nurse Jackie» (mit der umwerfend guten Edie Falco (bekannt aus Sopranos).

Nun, das sind genug Tipps für bis zur Fasnacht.

Viel Spass beim Schauen!

 

 


Kommentare:
1 Kommentar zu "Winterfreuden: TV-Series im Schnelldurchlauf"
carlo am 4. Februar 2013 um 23:53

da kann ich nur beipflichten. “modern family” ist definitiv auch unterhaltung, aber sehr lustige! “treme” muss ich unbedingt noch schauen, ist mir bis jetzt entgangen. ich habe auch noch zwei geheimtipps auf lager. erstens die hbo comedy serie “eastbound & down”. ein selbstverliebter, ex-baseball-profi ist am ende und gezwungen zurück in sein heimatsdorf zu seinem bruder zu ziehen. eine überdosis von deftigen sprüchen und parodien auf die amerikanische kultur. grandios. drei staffeln gibt es schon. die vierte ist auf dem weg. ausserdem die auch von hbo produzierte serie “veep”. elaine von seinfeld (julia louis-reyfus) hat hier ihre neu berufung gefunden. ein von den briten inspirierte (…wie so oft) politiksatire (bbc’s “the thick of it”). alles was ums weisse haus so schief läuft, mal nicht als doku, sondern auf eine lustige weise dargestellt. in den staaten ist die zweite season auf dem weg und hier sollte auch bald mal die erste erhältlich sein…