Michaels Serientipps: The Walking Dead – Von A wie Atlanta bis Z wie Zombie
geschrieben von Sebastian (31. März 2011)

Als Serienjunkie reist man ja viel. Vor allem durch amerikanische Städte und Agglomerationen. Dort lernt man die unterschiedlichsten Milieus kennen und verbindet dann zukünftig den Ort mit den Geschehnissen einer Serie. Wenn ich New Jersey höre, dann sehe ich gleich Mob-Boss Tony Soprano („The Sopranos“) hindurch fahren. In LA bekämpft sich die Polizei gegenseitig mit brutalsten Methoden („The Shield“). Und Baltimore ist Heimat verwahrloster Quartiere und unkontrollierbarer Drogen-Bandenkriege („The Wire“). Der Erfolg von „The Wire“ führte sogar zu einer Pressekonferenz der Stadtpräsidentin, in der sie darauf aufmerksam machen wollte, dass ihre Stadt nicht so schlimm dran sei, wie es die Serie suggeriere… Nun, die Leute von Baltimore können sich trösten. Denn vermutlich hat es Atlanta noch schlimmer erwischt.

Atlanta mag einmal olympische Spiele beherbergt haben. Oder Headquarter von Coca-Cola sein. In meinem Gedächtnis ist Atlanta neu auch die Hauptstadt der „Walking Dead“.

Sie können nichts anfangen mit Zombie-Filmen? Ich auch nicht. Aber diese neue, äusserst aufwändig gedrehte Serie ist anders. Die Apokalypse erhält zwar das Gesicht der lebenden Toten, aber im Mittelpunkt der Serie stehen eigentlich nicht die Untoten, sondern die Überlebenden.

Mit dem erstaunlichen Resultat, dass trotz des extrem unrealistischen Szenario, die Geschichte 100% authentisch erzählt wird. Totale Wirklichkeit in der totalen Unwirklichkeit! Die Menschen kämpfen ums Überleben und sind dabei grösstenteils so real wie wir selber. Sie verhalten sich so, wie es die Situation erfordert… und damit auch selten heldenhaft. Dafür kann man umso mehr mitfiebern und mitleiden. Ja, wirklich: „The Walking Dead“s grösste Stärke ist die immense Identifikationsfläche, die die Protagonisten bieten. Man kann sich dieser Intensität kaum entziehen. Zumindest ich konnte es nicht.

Aber ich bin ja auch ein blutiger (kicher, kicher) Anfänger in diesem Genre. Im Gegensatz zu Bloq-Autor Sebastian. Der ist ein Profi. Hiermit übergebe ich ihm das Wort:

Noch nicht genug vom Corpse Content? Hier ein paar Gedanken zum gegenwärtigen Zombie-Hype:

Ursprünglich im Voodoo Kult beheimatet, schwappten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Afrika via Haiti in die USA, wo sie schon bald Eingang in die Popkultur fanden. Sogar bis nach Entenhausen streckten sie ihre fauligen Finger: In einem Comic der 50er Jahre wurde Donald Duck wurde von Bombie the Zombie heimgesucht.

Einen ersten grösseren Ausbruch gab es vor über 40 Jahren: Night of the Living Dead, der erste Teil aus Romeros Living-Dead-Reihe, legte 1968 den Grundstein für Duzende von Zombie-Filmen (darunter besonders blutige Exemplare aus Italien). Nach einer ersten Blüte der Zombie-Filme, die bis in die Mitte der 80er reichte, legten sich die Untoten dann zwischenzeitlich zur Ruhe. Aber nur um – ganz dem Genre entsprechend – Anfang des 21. Jahrhunderts wieder zu neuem Leben zu erwachen. Seit Danny Boyles 28 Days Later werden die Kinos wieder in regelmässigen Abständen von den Untoten heimgesucht. Heute sind Zombies präsent wie nie und schlurfen neben Film auch durch Literatur, Musik und natürlich zahlreiche Videospiele.

Aber weshalb ist die Faszination für Zombies einfach nicht totzukriegen? Wahrscheinlich, weil sie sich besonders gut dafür eignen, virulente Fragen der Gegenwart aufzugreifen. Die intelligenteren Genre-Vertreter bieten unter der blutverschmierten Oberfläche eine überraschende Tiefe und werden zu bissigen Kommentaren zu Umweltverschmutzung, Religion, Rassismus oder Kapitalismus.

Besonders beliebt scheint dabei die Idee der Zombie Apokalypse zu sein: Die Erde befindet sich komplett in den modernden Händen der Untoten und die wenigen Überlebenden kämpfen um die nackte Existenz. Dieses Szenario ist die Blaupause für zahlreiche Was-wäre-wenn-Fantasien: Was, wenn ich von heute auf morgen der einzige Mensch auf der Erde wäre? Was, wenn mein Sohn/meine Ehefrau/mein Grossvater plötzlich zu einem blutrünstigen Monster wird? Was, wenn ich meine Wohnung gegen Horden von Eindringlingen verteidigen müsste?*

Dabei werden Zombies zu einer Naturgewalt, die nicht plant, keine Ziele hat und der deshalb mit konventionellen Kampfstrategien nicht beizukommen ist. Sie setzt gängige Regeln ausser Kraft, stellt die gewohnte Welt auf den Kopf und zeigt, was vom Menschen übrig bleibt, wenn das Fangnetz der Zivilisation fehlt. Mit anderen Worten, erst der Spiegel der Untoten zeigt, was den (lebenden) Menschen im Innersten zusammenhält.

*Dazu liefert zum Beispiel das Handbuch The Zombie Survival Guide im Stile eines DIY-Ratgebers akribische Tipps, mit denen eine Zombie Invasion zu überleben wäre. Der kongeniale Nachfolger World War Z schildert in einer fiktiven Retrospektive die Konsequenzen einer globalen Zombie Epidemie aus der Sicht eines Wissenschafts-Journalisten. Eine Verfilmung dieses Werks durch Marc Forster wird von Hollywood seit Jahren versprochen.

Nachtrag: The Walking Dead gibt es ab sofort auf Amazon.com (USA). Allerdings erst auf Code 1. Eine deutschsprachige Version wurde für das deutsche Bezahlfernsehen FOX synchronisiert , sie wurde aber bislang noch nicht als DVD veröffentlicht.


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